Zukunftsinvestition Bildung: Wie das Modell der Teilqualifizierung zur Fachkräftegewinnung aus den eigenen Reihen genutzt werden kann

Qualifizierte Fachkräfte sind in einer Zeit des rasanten technologischen Fortschritts und der zunehmenden Digitalisierung der Lebens- und Arbeitswelt ein wichtiger Wettbewerbsfaktor. Doch in den unterschiedlichsten Branchen wird seit Jahren ein umfassender Fachkräftemangel beklagt.

Nachfrage und Angebot von Arbeitskräften entwickeln sich weiter auseinander. Ständige berufliche Weiterbildung ist ein Schlüssel für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und für die Sicherheit jedes Arbeitsplatzes. Statt auf dem Markt nach neuen Fachkräften zu suchen, lohnt es sich für Unternehmen zunehmend, ihren Blick und ihre Bemühungen nach innen zu richten. Das größte Potenzial steckt in den eigenen Mitarbeitern. Da Weiterbildung als Zukunftsinvestition immer wichtiger wird, sollten Unternehmen diese vorhandenen Potenziale nutzen und gezielt fördern.

Die eigenen Mitarbeiter als Antwort auf den Fachkräftemangel

Die Auswirkungen der demografischen Entwicklung sind überall zu spüren. Bewerbungen von Schülern, die eine Ausbildung absolvieren wollen, treffen in den Personalabteilungen immer seltener ein. „Hinzu kommt, dass die Beliebtheit von Ausbildungsberufen, wie zum Beispiel Maschinen- und Anlagenführer, bei Schülern weiter sinkt“, sagt Matthias Böttjer, Ausbilder Produktion bei der Buss Fertiggerichte GmbH aus Ottersberg bei Bremen. Böttjer ist regelmäßig auf Ausbildungsmessen unterwegs und leistet Überzeugungsarbeit bei den Jugendlichen. „Jedes Jahr wird es schwieriger, Schüler für eine Ausbildung in der Produktion zu begeistern“, sagt er und ergänzt: „Deswegen suchten wir schon lange nach einem geeigneten Qualifizierungskonzept für unsere bestehenden Mitarbeiter.“

Inzwischen setzt die Buss Fertiggerichte GmbH auf Teilqualifizierungen als effizientes und schnelles Instrument zur Weiterentwicklung ihrer Mitarbeiter. Vier ungelernte Mitarbeiter erwerben seit September in Modulen ausgewähltes Fachwissen in anerkannten Ausbildungsberufen wie Maschinen- und Anlagenführer. Jedes Modul besteht aus Theorie- und Praxisanteilen. Die Praxisphasen können im Unternehmen absolviert werden.

In Niedersachsen ist das Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft (BNW) Partner der Arbeitgeberinitiative Teilqualifizierung (AGI TQ). Das BNW entwickelt Umsetzungsmodelle, so auch für die Buss Fertiggerichte GmbH. „Gemeinsam wurde bei uns erstmals eine TQ zum Maschinen- und Anlagenführer mit dem Ausbildungsschwerpunkt Lebensmitteltechnik gestartet“, sagt Ausbilder Matthias Böttjer. „Der Vorteil liegt darin, dass wir unsere Mitarbeiter gezielt weiterzuentwickeln können. Anschließend können sie für komplexere Aufgaben und Herausforderungen eingesetzt werden.“

Weil das BNW als Bildungsträger die Teilnehmer im Unternehmen in Theorie- und Praxisphasen begleitet, würden den Mitarbeitern außerdem die Bedenken vor einer externen Prüfung bei der IHK genommen. Mit der Prüfung holen Teilnehmer der Maßnahme Teilqualifizierung nach dem Absolvieren der einzelnen TQ-Module einen vollständigen Ausbildungsabschluss nach oder sie komplettieren eine ehemals angefangene und nicht fertiggestellte Berufsausbildung.

Arbeitszufriedenheit steigt: Langjähriger Mitarbeiter kann nun komplexere Aufgaben übernehmen

Den Weg der Fachkräftegewinnung durch Weiterentwicklung der eigenen Mitarbeiter gehen mittlerweile immer mehr Firmen. Denn es sind die Menschen, die Unternehmen in schwierigen Zeiten stark machen und die sich an jedem Arbeitstag einbringen. So wie Werner Tietjen, der bei der Buss Fertiggerichte GmbH als Produktionshelfer arbeitet. „Nach meinem Hauptschulabschluss wollte ich zunächst Geld verdienen“ berichtet er.

„Über die Zeitarbeit kam ich zur Buss Fertiggerichte GmbH. Hier habe ich immer mein Bestes gegeben und mich flexibel gezeigt.“ Nach sechs Jahren konnte Werner Tietjen in den Bereich der Maschinen- und Anlagenführer wechseln und erhielt zugleich einen Festvertrag. In der Abfüllung kümmert er sich um die Etikettierung und Verladung – wie ein erfahrener Maschinen- und Anlagenführer. Ihm geht es wie vielen Mitarbeitern: Auf der Arbeitnehmerseite gibt es eine hohe Zahl an ungelernten beziehungsweise geringqualifizierten Arbeitskräften. Dieser Personenkreis darf den Unternehmen in Zeiten des Azubi- und Fachkräftemangels nicht verloren gehen. Aber Arbeitskräfte zu gewinnen und zu binden, erfordert von Unternehmen gezielte Investitionen – am besten in die eigenen Köpfe. Weiterbildung und -entwicklung der eigenen Beschäftigten sind unerlässlich.

Werner Tietjen fehlte ein Ausbildungsabschluss auf dem Papier. Seinem Arbeitgeber fehlte ein Qualifizierungskonzept, das ungelernte Mitarbeiter auf die nächste Stufe hebt – damit sie komplexere und anspruchsvollere Tätigkeiten übernehmen. Die inzwischen eingeführte Teilqualifizierung stellte eine flexible Lösung dar, von der beide Seiten gleichermaßen profitieren.

Teilqualifizierung stärkt Mitarbeiter

Mitarbeiter erwerben mit einer Teilqualifizierung nicht nur Schlüsselqualifikationen, die wichtig für die Arbeit von morgen sind, sondern verbessern auch ihre Ein- und Aufstiegschancen im Unternehmen. „Indem das Unternehmen meine berufliche Entwicklung fördert, werde ich flexibler und bin vielseitig einsetzbar. Damit steigt der Wert meiner Arbeitskraft. Ich empfinde diese Maßnahme als Wertschätzung und bin definitiv zufriedener als vorher“, sagt Werner Tietjen.

Diese Chance können Firmen nicht nur bei ungelernten und geringqualifizierten Mitarbeitern ausschöpfen. Auch Arbeitnehmer, die über Lebenserfahrung und soziale Kompetenzen verfügen, erhalten mit der Teilqualifizierung die Möglichkeit eines langfristig sicheren Arbeitsplatzes.

Weiterbildungspartner wie das BNW kennen darüber hinaus Fördermöglichkeiten. Noch wird die staatliche Förderung, die mit dem Qualifizierungschancengesetz am 1. Januar 2019 ausgebaut wurde, nicht vollständig in Anspruch genommen. Bei der Buss Fertiggerichte GmbH fördert jedoch die Agentur für Arbeit vor Ort die Weiterentwicklung durch Teilqualifizierung zu einhundert Prozent, was das Ansinnen sowohl für die Unternehmens- als auch für die Mitarbeiterseite erheblich erleichtert.
„Insgesamt bleibt der Zeit- und Kostenaufwand für uns im Verhältnis gering“, resümiert Ausbilder Matthias Böttjer. „Das Modell lohnt sich für uns auch, weil wir Mitarbeitern nicht nur eine langfristige Perspektive bieten können, sondern sogar Fachkräfte dazugewinnen.“

Denn das BNW kümmert sich bei Bedarf auch um weitere Teilnehmer oder Kooperationspartner. Im Fall der Buss Fertiggerichte GmbH ist einer der Teilnehmer derzeit im Rahmen eines Praktikums mit einem Zeitarbeitsvertrag in der Firma. Unterstützt wird die Teilqualifizierung vom Personaldienstleister Randstad. Dieser profitiert von der besonderen Nähe des Qualifizierungsmodells zu den Unternehmen. Wenn die Zusammenarbeit in einem Praktikum ausprobiert wird, finden auf diese Weise Betriebe und arbeitssuchende Menschen häufig zueinander. Ein Personaldienstleister kann damit Arbeitnehmer langfristig vermitteln.

Hintergrund zur Teilqualifizierung: Eine bundesweite Initiative zur Fachkräftegewinnung und -sicherung

Gemeinsam haben deutsche Arbeitgeberverbände und Bildungswerke der deutschen Wirtschaft eine Antwort auf den demografischen und technologischen Wandel sowie den damit verbundenen steigenden Anforderungen am Arbeitsplatz gefunden: Die Initiative zur Fachkräftegewinnung und -sicherung.

Mit der dazugehörigen Kampagne „Eine TQ besser!“ entwickelten die Kooperationspartner ein Angebot für die Nach- und Teilqualifikation von Arbeitnehmern und Arbeitsuchenden. Herzstück: Mit Teilqualifizierungen und Ausbildungsbausteinen können die Bildungswege für Geringqualifizierte weitaus flexibler gestaltet werden als bisher. Die modular aufgebaute TQ führt Schritt für Schritt zu einem Ausbildungsabschluss.

Das Teilqualifizierungsmodell des BNW wird auch von dieser Initiative getragen und ist mit dem dazugehörigen Gütesiegel versehen. Es ist bundesweit anerkannt und steht für Sicherheit, Qualität und höheren Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Gleichzeitig steht das Siegel für den hohen Mehrwert dieser von den Arbeitgeberverbänden ausgewählten Teilqualifizierungen.

Ein weiteres, besonderes Merkmal dieses Qualifizierungsmodells ist der Ansatz, das Lernen direkt in den Arbeitskontext zu bringen: Die Teilnehmer absolvieren den praktischen Teil ihrer Teilqualifizierung firmenintern und müssen nicht zu einer Weiterbildungsstätte fahren. Betriebe können so sichergehen, dass ihre Mitarbeiter den Umgang mit den eigenen Maschinen lernen – ein Umlernen und Umdenken ist so nicht mehr notwendig.

 

Fazit: Gewinner auf Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite
Die Teilqualifizierung stellt für Unternehmen in Zeiten des Fachkräftemangels die Möglichkeit dar, Mitarbeiter fachlich fit zu machen, sie weiterzuentwickeln und als kompetente Fachkräfte im Unternehmen weiterhin zu halten und einsetzen zu können. Offene Stellen werden so schnell und risikoarm besetzt. Dabei bietet der modulare Aufbau Unternehmen größtmögliche Flexibilität. Für Mitarbeiter ohne, mit fachfremder oder – angesichts der Digitalisierung – veralteter Ausbildung, bedeutet die Teilqualifizierung, dass sie wieder einen zukunftsfähigen Berufsabschluss in der Tasche haben. Ihr Arbeitsplatz bleibt nicht nur mittelfristig, sondern auch langfristig gesichert.

Mit der Teilqualifizierung erhalten Unternehmen ein flexibles Instrument:
● Eigene ungelernte Mitarbeiter können zielgerichtet und berufsbegleitend qualifiziert werden.
● Unternehmen qualifizieren ihre Mitarbeiter fachspezifisch weiter und binden sie so an ihr Unternehmen.
● Der modulare Aufbau der Teilqualifizierung bietet Unternehmen und deren Mitarbeitern maximale Flexibilität.
● Der Mitarbeiter kann einen kompletten Berufsabschluss modular erwerben. Die Module können grundsätzlich berufsbegleitend oder in Vollzeit absolviert werden.
● Mit der Übernahme von Weiterbildungskosten und Arbeitsentgeltzuschüssen durch Agentur für Arbeit und Jobcenter auf Basis des Qualifizierungschancengesetzes (QCG) werden Unternehmen bei der Weiterbildung ihrer Mitarbeiter unterstützt.
● Gefördert werden abschlussorientierte Maßnahmen für geringqualifizierte Mitarbeiter ohne (verwertbaren) Berufsabschluss, z.B. Teilqualifizierungen, Umschulungen oder Prüfungsvorbereitungen. Daneben wird die Weiterbildung von Beschäftigten gefördert, deren Tätigkeiten durch neue Technologien ersetzt werden können.

 

Lohmann Tobias BNW Foto Nico Herzog

Autor: Tobias Lohmann (Bild), Sprecher der Geschäftsführung des Bildungswerks der Niedersächsischen Wirtschaft gGmbH (BNW)

www.bnw.de/tq

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