Mit Digital Scouts die Zukunft gestalten

Menschliche Hand und Roboter-Hand halten gemeinsam ein Seil fest

Big Data, Internet of Things, agiles Arbeiten – hört sich nach VW und nicht nach einem Autohaus in Delmenhorst an? Falsch. Der digitale Wandel und die damit einhergehende Veränderung von Arbeitsprozessen und Kompetenzanforderungen betreffen grundsätzlich jede Branche, jeden Betrieb, jeden Beschäftigten in Deutschland. Während uns Industriekonzerne und Start-ups Digitalisierung vorleben, stehen besonders kleine und mittelständische Unternehmen, die nicht über die Manpower und das Digitalisierungsbudget von Konzernen verfügen, vor einer Reihe ungelöster Aufgaben. Zusammen mit Unternehmen der Region Weser-Ems entwickelt das BNW Strategien und Tools zur Gestaltung des digitalen Wandels und schafft dabei ein regionales Netzwerk zum Austausch.

Hinter einer erfolgreichen Digitalisierung steckt mehr als Technik

Roboter und künstliche Intelligenz verändern die Arbeitsmärkte überall auf der Welt. Ein Patentrezept, wie Firmen den digitalen Strukturwandel meistern können, gib es nicht. 37 Prozent der Unternehmen geben laut Branchenverband Bitkom an, dass sie Probleme haben, die Digitalisierung zu bewältigen. Nur 33 Prozent verfügen über eine unternehmensweite Digitalisierungsstrategie. Gerade mal 15 Prozent haben bislang einen Digital-Verantwortlichen eingesetzt. Dabei gilt: Je kleiner das Unternehmen, desto größer wird der eigene Nachholbedarf eingeschätzt. Das birgt die Gefahr, dass sich eine Kluft zwischen kleinen und großen, stark digitalisierten Unternehmen auftut. „Die künftige Wettbewerbsfähigkeit unseres Wirtschaftsstandortes hängt davon ab, wie gut kleine und mittlere Unternehmen die Digitalisierung bewältigen. Wichtig ist, diesen Prozess aktiv anzugehen und dabei auch die soziale Komponente der Entwicklung im Auge zu behalten“, sagt der Landesbeauftragte für regionale Landesentwicklung Weser-Ems, Franz-Josef Sickelmann.

Im von der NBank über die Richtlinie Soziale Innovationen geförderten Projekt „ManKom – Management von Kompetenzverschiebungen“ bildet das BNW Vertreter aus regionalen Firmen zu „Digital Scouts“ aus, auch der Arbeitgeberverband NORDMETALL unterstützt das Projekt. Als Digital Scouts werden Mitarbeiter zu Gestaltern des internen Transformationsprozesses. An der Schnittstelle zwischen Geschäftsführung und Beschäftigten sollen sie die Einführung neuer Technologien begleiten und Veränderungen in Unternehmen vorantreiben. Sie sorgen dafür, neben dem Blick auf neue Technologien auch das Bewusstsein für die Kompetenzen der Mitarbeiter in ihren Firmen zu stärken. Maximilian Nitsch vom Autohaus Wako in Delmenhorst ist auch dabei: „Es verändert sich viel im Autohandel, alleine schon, was an Technologien in den Fahrzeugen verbaut wird, da müssen alle drauf geschult werden. Jeder, der hier tätig ist, muss alle Programme beherrschen, es wird immer mehr digitalisiert. Die Mitarbeiter müssen sich verstärkt mit neuen Systemen auseinandersetzen. Und wir müssen uns zusammen als Unternehmen weiterentwickeln.“

Herausforderung Digitalisierung – Veränderung leben

Mangels Themen-Owner, Zeit und Geld werden technische Innovationen in kleinen und mittleren Unternehmen häufig nur auf technischer Ebene realisiert. Doch auch in der digitalen Transformation stehen die Menschen im Zentrum, mit ihren Kompetenzen und Potenzialen und der Fähigkeit zu vernetztem Denken und Arbeiten. Um neue Technologien effektiv umzusetzen, sind ihre Methoden- und Sozialkompetenzen ebenso unverzichtbar wie das Beherrschen digitaler Tools. Zu den sogenannten Future Skills, die in den nächsten Jahren besonders wichtig für Beschäftigte und Unternehmen werden, zählt der Stifterverband Problemlösungskompetenz und die Kommunikationsfähigkeit in Veränderungsprozessen (Welche Kompetenzen in Deutschland fehlen / 2018).

Die Probleme, vor denen Unternehmen im Zuge des Digitalisierungsprozesses stehen, können vielfältig sein: „Wir arbeiten mit einem Unternehmen zusammen, bei dem der Chef agil arbeiten will, aber die Mitarbeiter nicht. Da sind Kommunikationsstärke und das positive Beeinflussen von Veränderungsbereitschaft gefragt. Die Realität zeigt, dass Management und/oder Mitarbeiter in Unternehmen oft noch nicht bereit zu Veränderungen sind. Doch um im dynamischen Wettbewerb künftig zu bestehen, kommt keiner darum herum“, erklärt Peter Grünheid, Leiter des Projekts ManKom. In kleinen und mittleren Unternehmen, mit denen er zusammenarbeitet, sollen deshalb Digital Scouts Drive in die Sache bringen. „Wir wollen unser Dokumentationssystem auf iPads umstellen. Da müssen alle mitziehen und fit gemacht werden. Mein Ziel ist es, dem Prozess eine Struktur zu geben und das richtig aufzubauen“, sagt Maren Boomgaarden vom Pflegedienst Hoffmann in Emden.

Die Scouts sollen Treiber für Veränderungen und damit für Innovationen sein. „Gleichzeitig schauen wir gemeinsam auf künftig benötigte Kompetenzen, sowohl bei Führungsaufgaben wie Auszubildenden. Wie muss unsere Mannschaft aussehen, um digitale Techniken wachstumsorientiert einsetzen zu können. Diese Frage muss sich jedes Unternehmen stellen“, sagt Peter Grünheid.

Wie sieht er aus, der geeignete Digital Scout? „Als Digital Scouts kommen zum Beispiel Führungskräfte, Ausbilder, Schichtleiter in Frage. Kommunikationsstärke, hohe Sozialkompetenz, Gestaltungswille, Entscheidungsfreudigkeit und Lust an der Veränderung, das sollte ein Digital Scout mitbringen“, sagt Peter Grünheid.

Eine anerkannte Position im Betrieb sowie Techniken für den internen Know-how-Aufbau und die Motivation der Kollegen, das sind die Ziele von Maximilian Nitsch: „Ich erhoffe mir, dass ich eine klarere Rolle habe, die von den Mitarbeitern wie von der Geschäftsführung anerkannt ist, dass die Kollegen sich an mich wenden können und ich ihnen weiterhelfen kann in der digitalen Transformation. Als Administrator bin ich in den technischen Aspekten schon relativ weit, jetzt möchte ich daran arbeiten, die Kollegen zu motivieren“, sagt Maximilian Nitsch.

Vernetzen und gestalten im regionalen Netzwerk

Kooperation heißt schon lange das Zauberwort, um komplexe Probleme zu lösen. Künftig wird es immer häufiger auch Kooperationen zwischen Wettbewerbern geben, um in bestimmten Fragen weiterzukommen oder Synergieeffekte zu schaffen. Ein regionales Netzwerk soll auch den beteiligten Unternehmen an ManKom die Gelegenheit bieten, sich austauschen und von den Lösungen anderer zu profitieren. „Ich finde es wichtig, dass man seine Erfahrungen mit den anderen Digital Scouts teilen, Feedback erhalten neue Perspektiven aufgreifen kann, auch aus anderen Branchen“, sagt Maximilian Nitsch. Auch Universitäten, Fachhochschulen, Kammern, regionale Wirtschaftsförderung und Bildungsträger können dazu stoßen. Warum das sinnvoll ist? Da sind wir wieder bei VW. Wenn der Konzern in den kommenden Jahren sein Werk in Emden auf die Produktion von Elekro-SUVs umstellt, werden dies nicht nur Zulieferer und KfZ-Betriebe zu spüren bekommen, sondern die ganze Region. Produktion und Verwaltung werden bei VW mit Hochdruck digitalisiert. „Wir stehen vor einer Vielzahl von Herausforderungen, die nur gemeinschaftlich zu bewältigen sind. Wir brauchen eine echte Partnerschaft, die vor Ort die regionale Wirtschaft unterstützt“, so Franz-Josef Sickelmann.

 

Kommentare