Der Beruf gibt der Arbeit Sinn

wood working

Ein Beitrag von Prof. Dr. Gerhard Wegner

Um das Arbeitszimmer in dem verwinkelten alten Fachwerkhaus neu zu gestalten, ist ein Tischler angefragt worden. Sein Auftrag: den gesamten Raum mit neuen Einbauten zu versehen. Nach kurzer Besichtigung sein Rat: „Ich kann das machen – aber das wird teurer. Ich kann Ihnen einen Teil der alten Möbel aufarbeiten, um sie weiter zu verwenden. Das wird genauso schön und bleibt erheblich billiger!“ Ein schlechter Geschäftsmann? Gar: Kundenverächter? Gewiss nicht! Sondern einer, der etwas um die Bedeutung seines Berufs als Tischlermeister weiß. Nicht nur ums Geld verdienen geht es, sondern um die Qualität seiner Ware, für die er der Experte ist, und von der er gegebenenfalls die Kunden überzeugen muss. Das ist gelebte Berufsethik.

Deutschland ist das Land der Berufe. Auch wenn sich viele Bezeichnungen dauernd ändern und Menschen im Leben mehrfach den Beruf ändern, bleibt er doch für die Ausbildung, Einstellung und Bezahlung von großer Bedeutung. 2018 gab es 326 anerkannte Ausbildungsberufe. Das Duale Ausbildungssystem findet weltweit nach wie vor höchste Anerkennung und sorgt für eine stabile Qualifikationsbasis für die deutsche Wirtschaft. Aber es sind nicht nur formale Äußerlichkeiten: einen Beruf zu haben hat auch viel mit dem eigenen Selbstwertgefühl und Selbstanspruch zu tun. Vereinfacht gesagt: Arbeiten kann jeder – aber einen Beruf zu haben bedeutet eine gesellschaftlich bedeutsame und sinnvolle Arbeit erbringen zu wollen (und zu können).

Drei Aspekte sind Menschen im Arbeitsleben besonders wichtig: auf die eigene Arbeit stolz sein zu können; etwas zu einer größeren Sache beizutragen und Anerkennung durch Vorgesetzte, Kollegen und Kunden zu erhalten. Zu all dem ist der eigene Beruf hilfreich: Er liefert mir Maßstäbe dafür meine Arbeit gut machen zu können. Mit meinem Beruf habe ich im Gefüge der gesellschaftlichen Arbeitsteilung einen Platz. Und genauso kann ich Wertschätzung der anderen, insbesondere derjenigen, für die ich eine Dienstleistung oder ein Produkt erbringe, erhalten.

Das Wort Beruf kommt im Deutschen spätestens seit Martin Luther von Berufung her: etwas für andere tun können, was ich gut kann und womit ich mich identifiziere. Wo das der Fall ist und die Arbeitsbedingungen stimmen, stellt sich nicht selten Produzentenstolz ein. Und das ist die beste Motivation zur Arbeit, die es gibt!

Photo by Graham Hobster from Pixabay

 

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