Als Coach zwischen Kumpel und Chef: Duzen oder Siezen in der Ausbildung?

Um es vorweg zu nehmen, es gibt leichtere Themen als das „Du“ oder „Sie“. Der wunderbare Reichtum der deutschen Sprache stellt uns häufiger vor Herausforderungen, gerade bei der Anrede. Menschen in anderen Sprachräumen haben es einfacher. In der englischen Sprache gibt es für alle Anreden ein „you“ und damit ist das „Sie“ ebenso gemeint wie das „Du“. Unsere Gesellschaft befindet sich in einem ständigen Wandel, daher unterliegen unsere Anredeformen einer gewissen Dynamik. Aus diesem Grund ist meines Erachtens eine stetige Auseinandersetzung und Überprüfung dieses Themas wichtig. Am Ende dieses Artikels finden Sie deshalb meine persönliche Empfehlung.

Ein kurzer Blick in die Geschichte

In den 60er Jahren war es üblich, sich in bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen zu siezen. Die 68er-Generation versuchte das „Sie“ weitestmöglich zu verdrängen. Mit einem allgemeinem „Du“ sollten der „Muff von 1000 Jahren“ sowie „Obrigkeitsdenken“ abgeschafft und somit die sozialen Hierarchien flacher werden.

Dennoch hat sich im deutschsprachigen Raum bis weit in das 20. Jahrhundert die Grundregel gehalten, dass ein „Du“ eher für Familienangehörige und gute Freunde zur persönlichen Anrede genutzt wird. Fremde Erwachsene und in der Hierarchie Höherstehende hingegen werden bevorzugt mit „Sie“ angesprochen. Es gab und gibt bis heute noch viele Ausnahmen und Mischformen, zum Beispiel in der Schule. Lehrkräfte werden gesiezt, duzen jedoch ihre Schüler und das meist bis zur 10. Klasse. Ab der Oberstufe wird dann der Vorname und „Sie“ verwendet. Letzteres wird im Fachjargon „Hamburger Sie“ genannt. Es gibt zwei weitere Mischformen. Beim „Münchner Sie“ erfolgt die Anrede mit Herr oder Frau XY verbunden mit dem „Du“. Das weniger bekannte „Rheinische Sie“ richtet sich an Gruppen, die in der Du-Form angesprochen werden, z.B. „Schön, dass ihr (anstatt Sie) da seid (sind).“ Einzelpersonen werden weiterhin gesiezt.

Welche Anrede wählen Sie für Ihre Azubis?

Anredeformen in der Ausbildung

In vielen Ausbildungsbereichen hat sich eine weitere Mischform durchgesetzt. Auszubildende werden geduzt und mit Vor- oder Nachnahmen angesprochen, die Ausbilder werden gesiezt. Eine offizielle Regelung zur korrekten Anrede gibt es nicht. Einige Betriebe lassen die Auszubildenden abstimmen, wie sie angesprochen werden möchten. Natürlich müssen auch branchenspezifische Gepflogenheiten beachtet werden. In Banken und im Öffentlichen Dienst wird überwiegend gesiezt, insbesondere bei Publikumsverkehr. In technischen Betrieben hingegen wird häufiger geduzt und in der IT-Branche wird durchgängig geduzt, ebenso wie im Baugewerbe. Das trifft auch auf die jeweiligen Ausbildungsbereiche zu.

Was ist nun angemessen? Welche Anrede ist heutzutage richtig bzw. unverfänglich? Genau diese Frage stellt sich immer wieder. Mit einem „Du“ wird soziale Nähe und Vertrautheit signalisiert. Mit dem „Sie“ wird eher Distanz und Respekt verbunden. Beide Formen haben Vor- und Nachteile. Hinzu kommen weitere Wirkfaktoren, wann, wo und wie geduzt oder gesiezt wird. Es hängt von der sozialen Situation und dem jeweiligen Individuum, seiner Herkunft, seinem Alter, der Branche sowie vom jeweiligen Tonfall, der Mimik und Körpersprache ab. So hat es auch der Sprachwissenschaftler Dr. phil. Martin Hartung vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim zusammengefasst.

Aus sozialpädagogischer Sicht gehört es zur jeweiligen Entwicklungsaufgabe, in die Rolle als Auszubildender und zugleich als erwachsen und selbständig werdender Mensch hineinzuwachsen. Der junge Mensch ist innerlich mit Fragen konfrontiert, wie: Wer bin ich? Wer bin ich in der Beziehung zu meinem Gegenüber im Betrieb? Was wird von mir erwartet? Was kann ich erfüllen und was nicht? Das wird nicht durch ein Du oder Sie beantwortet, sondern durch Klarheit und wertschätzendes Feedback im Miteinander. Das erfordert Zutrauen und Fehlerfreundlichkeit vom Umfeld, um diesen Prozess stärkend zu begleiten.

Exkurs: Anrede im Zeitalter von Social Media

Eindeutig entwickelt sich in der digitalen Welt von heute der Trend zum „Du“, ebenso wie in der gesamten IT-Branche. Seit dem Voranschreiten digitaler Medien verändern sich unsere Kommunikationsmuster. Es werden Abkürzungen, subkulturelle Modebegriffe, Anglizismen und Symbole verwendet, die häufig nur bestimmten Kreisen bekannt sind. Da gibt es Begriffe wie influencer, follower, blogger, LOL, HF, OMG usw. (Ihre Auszubildenden kennen die Bedeutungen der Begriffe), die wie selbstverständlich in den Sprachschatz der Generationen Alpha und Z gehören. Zur Generation Alpha gehören die aktuellen Jahrgänge bis zurück in das Jahr 2010. Mit Generation Z sind Jahrgänge 1996 bis 2010 beschrieben. Je nach Darstellung und Quelle können die Jahrgangszahlen leicht variieren.

Welche Anrede ist „richtig“? Meine Empfehlung für Ausbilder:

Im betrieblichen Ausbildungsbereich empfehle ich bei der Anrede von Auszubildenden eine angemessene Partizipation und keine formalen Vorgaben der Ausbildungsleitungen. Die branchenspezifische Abwägung und Abstimmung hierzu sollte möglichst zu Beginn der Ausbildung erfolgen und Transparenz schaffen. Gleichzeitig können in diesem Kontext Begriffe wie Würde, Respekt, Freundlichkeit, Wertschätzung, Nähe und Distanz thematisiert und geklärt werden. Denn diese Begriffe sind bei jungen Auszubildenden kaum oder nur teilweise anders besetzt. Letzten Endes sollten diese Werte nicht an einem formalen Du oder Sie festgemacht werden, sondern in und mit der Einstellung des Einzelnen gelebt werden. Ich wünsche Ihnen und Ihren Auszubildenden ein generationsübergreifendes, konstruktives und wertschätzendes Miteinander.

Welche Anrede nutzen Sie in Ihrem Betrieb? Teilen Sie gerne Ihre Erfahrungen über die Kommentarfunktion mit oder senden Sie uns eine E-Mail an redaktion@bnw.de.

Autor: Andreas Sedlag, Theaterpädagoge und Kompetenztrainer, EOL-Trainer, NLP-Practitioner

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