50 Jahre BNW: Umbruch braucht Qualifizierung

50 Jahre BNW: Umbruch braucht Qualifizierung

Wie kann das Lernen im digitalen Strukturwandel näher an den Arbeitsplatz rücken und in Unternehmen so gestaltet werden, dass neue und komplexe Inhalte die Menschen wirklich erreichen?

Anlässlich des 50-Jährigen Jubiläums veranstaltete das Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft (BNW) eine Festveranstaltung mit 130 Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft sowie der Arbeitsverwaltung am 18.09.2019 in Hannover, um diese Fragen unter dem Titel „Die Zukunft der beruflichen Bildung“ zu diskutieren.

Das BNW als Partner der Wirtschaft

Dass Zukunft immer auch beeinflusst wird von Vergangenheit, zeigte Dr. Bernd Mundt, Vorsitzender des Aufsichtsrates beim BNW, in seiner Begrüßungsrede auf. In einer Zeitreise durch die 50-jährige Geschichte machte Mundt die tiefe Verwurzelung des BNW in der niedersächsischen Wirtschaft deutlich: „Als Partner der Wirtschaft ging es dem BNW stets darum, unternehmerische Transformationsprozesse zu begleiten und die Fähigkeiten der Menschen konsequent weiterzuentwickeln.“ In einem Ausblick auf die Zukunft ergänzte er: „Wer weiß schon, wohin der Wandel uns führt? Aber eins wissen wir auf jeden Fall: Bildung wird immer der Schlüssel bleiben, um den Veränderungen gewachsen zu sein.“ Dazu müsse der Gesellschaft jedoch bewusst sein, dass es Bildung nicht umsonst gibt: „John. F. Kennedy hat einen klugen Satz dazu formuliert: ‚Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung.‘“

Im einem zweiten Grußwort richtete Dr. Volker Müller, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen e.V., seinen Blick vor allem auf die Gegenwart. Er sieht in der Digitalisierung auch eine große Herausforderung für das BNW selbst, da es sich kontinuierlich neu erfinden muss. Denn: „Die größten Meister sind diejenigen, die nicht aufhören, Schüler zu sein“, so Dr. Müller. Dies sei eine Aufgabe für das BNW, um seine gestaltende Rolle als Bildungsträger in der niedersächsischen Wirtschaft auch in Zukunft wahrzunehmen.

Dr. Sabine Johannsen, Niedersächsische Staatssekretärin für Wissenschaft und Kultur, bestätigte in einer Festrede die zentrale Bedeutung der Erwachsenen- und Weiterbildung für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Niedersachsen. Das BNW sei für sie ein wichtiger Teil dieser Bildungslandschaft, da es Möglichkeiten schaffe, optimal auf die Bedürfnisse des Einzelnen einzugehen. „In Zukunft werden neue und flexible Lernformate benötigt. Diesen Auftrag sehe ich beim BNW gut aufgehoben“, sagte Dr. Johannsen.

Der Digitalisierung Inhalt geben

Wie sich innovative Lernkonzepte und dazu passende digitale Lernlösungen entwickeln lassen, thematisierte Prof. Dr. Julia Knopf, geschäftsführende Leitung des Forschungsinstituts Bildung Digital an der Universität des Saarlandes, in ihrem Vortrag „Digitale Innovationen für die berufliche Aus- und Weiterbildung“. Für Knopf liegt die größte Herausforderung darin, die Digitalisierung mit nach Bedarf passenden Inhalten zu füllen: „Lerninhalte können heute digital vermittelt werden, technisch ist dabei vieles machbar. Ob es aber didaktisch sinnvoll ist, das ist die zentrale Frage. Jedes Unternehmen, jeder Mitarbeiter benötigt einen individuellen und passgenauen Zugang zum Lernen. Ziel muss es sein, für jeden Lernenden die Hürden so niedrig wie möglich zu machen.“ Der Schlüssel dazu liegt für Knopf in der Verbindung von Didaktik und Informatik. Beispielsweise zeigte sie, wie sich Augmented Reality zur Unterstützung der Arbeitsausführung nutzen lässt: Mittels AR-Brillen können Inhalte über verschiedene Einblendungen auf den individuellen Wissensstand des Lernenden angepasst werden. Zur Auseinandersetzung mit neuen Lernkonzepten gehört für Knopf aber auch eine große Portion Mut: „Unternehmen müssen ihren Mitarbeitern erlauben, dass sie etwas nicht verstehen und anerkennen, dass etwas noch nicht so funktioniert, wie sie es brauchen. Das gehört zum Lernprozess dazu und muss in diesem berücksichtigt werden.“

Diese Einschätzung teilte auch Fritz Kelle, Leiter Personalwesen und Administration der VSM AG, im anschließenden Expertentalk: „Viele Menschen trauen sich die Veränderung nicht zu. Das Problem in Unternehmen ist oft, dass diese Angst mit Unwillen verwechselt wird. Deshalb sind Fortbildungen gut, um das Selbstvertrauen der Mitarbeiter zu stärken und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie den neuen Aufgaben gewachsen sind.“ Prof. Dr. Gerhard Wegner, Vorsitzender des Niedersächsischen Bundes für freie Erwachsenenbildung e.V., schloss sich dieser Einschätzung an: „Wir müssen nah an den Menschen sein und ihnen souveräne Digitalisierungskompetenz vermitteln. Die Grundlage dazu ist der Aufbau von Vertrauen.“ Auf die Frage, wo Unternehmen konkret ansetzen können, antwortete Knopf: „Es gibt dafür keinen einheitlichen Startpunkt. Ich weiß, dass dies keine zufriedenstellende Antwort ist, aber jedes Unternehmen muss einen individuellen Weg finden, um Digitalisierung für sich zu übersetzen.“ Bei der Einschätzung, was denn getan werden müsse, um Unternehmen bei dieser Entwicklung zu unterstützen, waren sich Knopf und Johannsen einig: Es gehe nicht nur darum, eine geeignete Infrastruktur zu schaffen und zu fördern, sondern auch darum, diese mit passenden Inhalten zu füllen.

Die inhaltlichen Anregungen nahmen Tobias Lohmann und Bastian Schmidt-Faber, Geschäftsführer des BNW, zum Anlass, um die Relevanz der Aufgabe noch einmal zusammenzufassen: „Es geht um nichts Geringeres, als einen großen Teil der niedersächsischen Bevölkerung nachzuqualifizieren. Deshalb wird das BNW auch nie aufhören, Schüler zu sein und alles daransetzen, um sich selbst immer wieder neu zu erfinden“, so Lohmann. Lernbegleiter wie das BNW stellen den Menschen in den Mittelpunkt beruflicher Bildung, um Beschäftigte zu selbstorganisierter Handlungsfähigkeit in fachlichen sowie überfachlichen Aufgabenstellungen zu führen. Aber Selbstorganisation muss auch unterstützt werden: durch die Politik und ihre Möglichkeiten der Förderung, durch die Unternehmen und ihre Bereitschaft, in betriebsnahe Weiterbildung zu investieren und durch das Netzwerk niedersächsischer Arbeitsmarktakteure.

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